[Kapitalmarkt-News vom 18. Januar 2021]

Fazit: Nach dem Corona-bedingten Einbruch im Frühjahr 2020 hat sich das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2020 als Anker der konjunkturellen Stabilität erwiesen.

Doch die zunehmende Globalisierung des zweiten aktuellen Lockdowns wird die Industrie erneut treffen und dürfte zu einem Rückgang der Industrieproduktion und des BIP im ersten Quartal 2021 führen. Da sich das deutsche Verarbeitende Gewerbe schon seit mehreren Jahren auf einem Abwärtspfad befindet und die Unternehmen bereits geschwächt waren, hat die Insolvenzgefahr überproportional zugenommen.

Allerdings sollte die erwartete allgemeine Erholung ab der zweiten Jahreshälfte 2021 dem Verarbeitenden Gewerbe unter die Arme greifen und auch im nächsten Jahr für ein kräftiges, konjunkturelles Wachstum sorgen. Nach dem Einbruch der Industrieproduktion um 11 % im Jahr 2020 erwartet die IKB für 2021 ein Wachstum von rd. 10 %. Kurzfristig werden die Daten aus der deutschen Industrie allerdings enttäuschen.

Das Verarbeitende Gewerbe wird aufgrund der schnellen Erholung im Sommer und aktuell stabiler Produktionszahlen als Anker der Stabilität im aktuellen Lockdown wahrgenommen. Doch bevor deutliche Wachstumsschübe zu erwarten sind, wird auch die Industrie im ersten Quartal 2021 infolge globaler Entwicklungen einen Dämpfer erhalten. Wie sind die jüngsten Produktionszahlen zu bewerten, und wie ist der Ausblick für die deutsche Industrie in den kommenden Monaten sowie für das Gesamtjahr 2021?

Über den Tellerrand hinaus wird der konjunkturelle Ausblick positiv

Die Sorge um die absehbare Verlängerung und ggf. Verschärfung des zweiten Lockdowns über Januar hinaus lässt wieder einmal viele Wachstumsprognosen obsolet werden. Zwar konnte ein Rückgang des deutschen BIP im vierten Quartal verhindert werden, und die deutsche Wirtschaft hat sich damit 2020 besser geschlagen, als allgemein erwartet wurde (BIP-Veränderungsrate 2020: -5,3 % kalenderbereinigt). Der aktuelle, harte Lockdown, der nicht mehr in die Ferienzeit fällt, sollte allerdings das BIP im ersten Quartal erheblich belasten. Mit der zunehmenden Wahrscheinlichkeit einer Verlängerung bis mindestens in den Februar hinein ist zu erwarten, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung im ersten Quartal 2021 erneut schrumpfen könnte. Hinzu kommt die anhaltende Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie. Zwar wird auf Grundlage der Impfkampagnen für die zweite Jahreshälfte weiterhin von einer hohen Wachstumsdynamik ausgegangen, die erste Jahreshälfte ist jedoch mit hoher Unsicherheit behaftet.

Doch auch wenn die aktuelle Stimmung durch den Lockdown und anhaltend hohe Infektionszahlen belastet wird, so sollte dennoch der Konjunkturausblick wahrscheinlich für das zweite Quartal 2021 und insbesondere für die darauffolgenden Quartale unbeirrt als durchaus positiv gesehen werden. Denn auch die globale Konjunktur wird in der zweiten Jahreshälfte zunehmend für weitere und bedeutende Wachstumsimpulse sorgen. Diese gehen aktuell vor allem von China aus, werden aber im Verlauf von 2021 und mit steigender Immunisierung generell für Industrie- und Schwellenländer gelten. Hinzu kommt eine steigende Binnennachfrage aufgrund erheblicher Nachholeffekte. Starkes Exportwachstum, eine anhaltend unterstützende Fiskalpolitik und ein kräftiger privater Konsum deuten auf bedeutende Konjunkturimpulse für die deutsche Wirtschaft spätestens im zweiten Halbjahr 2021 hin.

Somit ist auch davon auszugehen, dass die Anzahl der Kurzarbeiter bis Ende des Jahres auf Normalniveau zurückkehrt. Laut der Bundesagentur für Arbeit hat sie sich bereits von rund 6 Mio. im April 2020 auf rund 2 Mio. im Oktober 2020 reduziert. Zwar mag sich der Rückgang in den kommenden Monaten deutlich verlangsamen. Die Konjunkturerwartungen für die zweite Jahreshälfte lassen dennoch auf ein historisch normales Niveau an Kurzarbeit bis Ende 2021 schließen. So erwartet die IKB weiterhin und trotz eines wahrscheinlichen BIP-Rückgangs im ersten Quartal ein BIP-Wachstum von ca. 4,5 % im Gesamtjahr 2021. Das Vorkrisen-BIP-Niveau sollte in der zweiten Hälfte 2021 erreicht werden.

Verarbeitendes Gewerbe 2021 – zwischen Lockdown und Aufbruchstimmung

Dass die Wirtschaft im vierten Quartal 2020 nicht geschrumpft ist, wird vor allem der robusten Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe zugeschrieben. Die Industrieproduktion vollzog im Jahr 2020 eine deutliche und überraschend positive Aufholung. Doch liegen bisher nur Produktionszahlen bis November vor, also aus der Zeit vor dem zweiten harten Lockdown. Auch betrifft der Lockdown nicht nur das Inland, er hat inzwischen wieder eine globale Dimension erreicht. Steigende Infektionszahlen und Gegenmaßnahmen belasten zunehmend die Konjunktur aller bedeutenden Absatzmärkte. China stellt zwar weiterhin eine wichtige und stabile Säule der globalen Konjunktur dar, was vielen deutschen Unternehmen, die in China für den lokalen Markt produzieren, hilft. Für den deutschen Export insgesamt sind allerdings andere Absatzmärkte wie die USA, Großbritannien oder die EU von größerer Bedeutung. In diesen Märkten trübt sich die Konjunktur im Vergleich zum vierten Quartal deutlich ein. 

Die Konjunktur für das Verarbeitende Gewerbe und den deutschen Export wird sich im ersten Quartal 2021 erneut eintrüben, was auch einen Rückgang der Industrieproduktion und des BIP in Deutschland mit sich bringen sollte. Verstärkt wird dies durch einen erneut zurückhaltenden Konsum bzw. ein erzwungenes Sparverhalten. Der weiterhin robuste Welthandel sowie die chinesische Konjunktur sollten allerdings einen Einbruch wie im ersten Lockdown verhindern. Auch wenn das Verarbeitende Gewerbe ein großer Profiteur der globalen Belebung in der zweiten Jahreshälfte 2021 sein wird, ergeben sich dennoch enorme Herausforderungen in den kommenden Monaten, denn die zunehmende Globalisierung des Lockdowns wird mehr und mehr die Industrie belasten, und ist damit nicht mehr nur ein Thema für konsumnahe Dienstleistungsbranchen.

Lange Talfahrt des Verarbeitenden Gewerbes erhöht Insolvenzrisiko überproportional

Nun mag argumentiert werden, die kommenden Monate sollten nicht überbewertet werden – vor allem im Kontext der erwarteten Erholung in der zweiten Jahreshälfte. Doch das Verarbeitende Gewerbe hat schon eine lange Talfahrt hinter sich. Und wer zudem argumentiert, die Produktion hätte schon fast wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht, verkennt die Situation. Das deutsche Verarbeitende Gewerbe befand sich bereits im Jahr 2019 mit einem Produktionsrückgang von über 4 % in einer schweren Rezession. Selbst ein Erreichen des Vorkrisenniveaus auf den Stand von 2019 bedeutet demnach keine hohe Auslastung der Produktionskapazitäten. Das höchste Produktionsniveau war saisonbereinigt Ende 2017 erreicht. Somit befindet sich die deutsche Industrie bereits seit drei Jahren auf einem Abwärtspfad. Im November 2020 lag das Produktionsniveau fast 11 % unter dem von Ende 2017. In der Automobilindustrie beträgt das Minus sogar über 20 %, im Maschinenbau rund -16 %, in der Chemie- und Elektroindustrie sind es -7 % bzw. -8,5 %. 

Die Coronakrise ist nur einer – wenn auch im Jahr 2020 der bedeutendste – von vielen Treibern eines schon länger anhaltenden Rückgangs der deutschen Industrieproduktion. Konjunkturelle sowie strukturelle Themen spielen hierbei sicherlich auch eine Rolle. Deshalb ist ein erneuter Rückgang im ersten Quartal auch nicht zu banalisieren. Die Finanzkennzahlen vieler Unternehmen haben sich in den letzten Jahren bereits deutlich verschlechtert. Das Insolvenzrisiko für Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes infolge einer erneuten Talfahrt im ersten Quartal ist deshalb um einiges höher als es alleine die zu erwartenden Zahlen für das erste Quartal vermuten lassen, da die Unternehmen bereits durch die Vorjahre geschwächt sind. Aufgrund des Abwärtstrends in der Industrie in den letzten Jahren ist eine globale kräftige Konjunkturerholung im weiteren Verlauf von 2021 besonders wichtig, um das deutsche Verarbeitende Gewerbe aus der aktuellen Rezession zu befreien, die Insolvenzgefahr zu mindern und die Transformation zu nachhaltigem Wachstum voranzutreiben (siehe IKB-Kapitalmarkt-News 12. November 2020).

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