[Energy & Utilities-Information vom 16. Dezember 2021]

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des DIHK macht die immense Belastung der hohen Energiepreise für Unternehmen in Deutschland deutlich. Von den befragten Unternehmen gaben 46 % an, die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland sei in Gefahr. Dafür machen sie hauptsächlich die hohen Strom- und Gaspreise verantwortlich.

Knapp die Hälfte der Unternehmen musste in diesem Jahr mindestens 20 % mehr für ihren Strom bezahlen und lediglich 25 % der Unternehmen haben sich bereits fürs kommende Jahr ausreichend Strom gesichert.

Beim Gas sind es noch beunruhigendere Szenarien: 30 % der befragten Unternehmen haben bis zu 50 % mehr bezahlen müssen und nur knapp die Hälfte der Betriebe hat einen Gasliefervertrag für 2022 abgeschlossen. Erhöhte Energiepreise schlagen direkt auf die GuV der energieintensiven Unternehmen und können nicht vollständig durch Preiserhöhungen weitergegeben werden.

Insbesondere die Tatsache, dass Unternehmen aufgrund der Mehrkosten Investitionen zurückstellen, die eigentlich dringend zur Steigerung der Energieeffizienz oder zur Dekarbonisierung beitragen sollten, ist eine gefährliche Entwicklung, die die jüngsten Ziele der Politik zur Transformation in eine nachhaltige Wirtschaft konterkariert.

Doch welche Treiber stecken hinter den Preisturbulenzen und handelt es sich um einen kurzfristigen Anstieg oder einen nachhaltigen Trend?

Turbulenzen am Gasmarkt

In diesem Herbst kam es am Gasmarkt zu Preisexplosionen in bislang unbekannter Höhe, Anfang Oktober wurde im Trading Hub Europe ein Spitzenwert von 113,88 € / MWh gehandelt. Ein Jahr zuvor betrug der Wert lediglich 11,60 € / MWh, was im Vorjahresvergleich einem Anstieg von 981 % entspricht. Auch der Monatsmittelwert für November 2021 liegt mit rund 80 € / MWh immer noch auf einem hohen Niveau. Ein wesentlicher Treiber hinter dem massiven Anstieg ist die im Vergleich zum Vorjahr weltweit gestiegene Gasnachfrage. Insbesondere der asiatische Markt fragt große Mengen an Gas nach. Unterstrichen wird dies durch den asiatischen LNG-Spot-Preis, der seit Juli 2020 über dem europäischen Niveau liegt. Bei anhaltendem Preisunterschied in diesem Winter ist zu erwarten, dass sich die LNG-Exporteure auch weiterhin auf den asiatischen Markt konzentrieren werden. Steigende CO2-Preise förderten zudem den Umstieg von Kohle auf Gas in der Stromerzeugung und erhöhten ebenfalls die Nachfrage.

Hinzu kommen historisch niedrige Speicherfüllstände in Europa, ein kalter Winter sowie niedrigere Importe von Gazprom aus Russland, über deren Ursache man nur spekulieren kann.

Beim Blick nach vorne sieht die IKB bei den Future-Preisen für das erste Quartal 2022 weiterhin keine Entspannung und erwartet Werte zwischen 88 und 95 € / MWh. Eine Erholung ist erst ab Ende des Winters zu erkennen. Im zweiten Quartal 2022 kann es zu einer Halbierung des Preises auf 44 bis 48 € / MWh kommen. Auch dann läge das Preisniveau immer noch deutlich über dem der vergangenen Jahre.

Die Verzögerungen bei der stark kritisierten Pipeline Nord Stream 2 sorgten zuletzt ebenfalls für einen Preisanstieg. Sollte die Pipeline kurzfristig in Betrieb genommen werden, könnte sich die Situation deutlich entspannen und zu einer Preiskonsolidierung führen. Das aktuelle Preisniveau stellt nach herrschender Marktmeinung eine Ausnahmesituation dar. Vor dem Hintergrund, dass Gas als entscheidende Brückentechnologie gesehen wird, um die Klimaschutzziele zu erreichen, kann es allerdings auch in den kommenden Jahren zu einer steigenden Nachfrage kommen, die sich in einem höheren Preisniveau niederschlagen könnte.

Strompreise

Auch bei den Börsenstrompreisen erleben wir ein außergewöhnliches Jahr 2021. Ähnlich wie beim Gas stieg die Nachfrage nach Strom im Vergleich zum Vorjahr stark an. Hinzu kommt ein sehr geringes Windaufkommen im Gesamtjahr 2021, sodass die Erneuerbaren Energien deutlich unter Plan eingespeist haben.Die beschriebenen Turbulenzen am Gasmarkt wirkten sich ebenfalls auf den Börsenstrompreis aus und sorgten ab dem dritten Quartal für einen weiteren Anstieg der Strompreise. Für das Preisniveau im Kurzfristhandel ist insbesondere das Wetter der entscheidende Faktor, während mittel- bis langfristig der Gaspreis und die Preise für CO2-Zertifikate die entscheidenden Parameter sind. Solange der Gaspreis von den beschriebenen Unsicherheiten geprägt ist, erwarten wir auch für den Strompreis volatile Marktszenarien. Grundsätzlich hängt die langfristige Entwicklung des Börsenstrompreises vom Ausbau der Erneuerbaren Energien, dem weiteren Netzausbau sowie der Schaffung zusätzlicher Flexibilitäten und Speicherkapazitäten ab. Ein Ziel der neuen Regierung sollte daher sein, schnellstmöglich die konventionellen Energieträger im Strommix zu ersetzen.

Da im kommenden Jahr die EEG-Umlage von aktuell 6,5 ct/kWh auf 3,7 ct/kWh absinkt, ergibt sich ein preismindernder Faktor für die Endverbraucherpreise. Diese sollen nach Plänen der Ampel-Koalition durch Streichung der EEG-Umlage ab 2023 dauerhaft entlastet werden. Auch eine längst überfällige Reform der Umlagen und Abgaben steht auf der Agenda der neuen Bundesregierung, um für weitere Entlastungen zu sorgen.

Rallye der CO2-Zertifikate setzt sich fort

Der Trend im Preisanstieg der CO2-Zertifikate ist klar erkennbar: Ausgelöst durch Spekulationen von Hedgefonds kam es im Frühjahr 2021 zu einer starken Aufwärtsbewegung. Die angezogenen Klimaschutzziele der Politik beflügelten den Preisanstieg und führten zu einer Fortsetzung des Trends, sodass nach und nach die Marken von 40 €/t, 50 €/t und 60 €/t durchbrochen wurden. Die Entwicklungen auf dem europäischen Gasmarkt sowie das hohe Strompreisniveau sind zusätzliche Faktoren, die sich preistreibend auswirken und für einen Anstieg der Zertifikate auf zuletzt rd. 80 €/t verantwortlich sind. Insgesamt steht damit im Vorjahresvergleich ein Plus von 237  %, bzw. mehr als eine Verdopplung des Preises von 33,68 €/t Anfang Januar auf 79,97 €/t bis Anfang Dezember.

Handlungsoptionen für Unternehmen

Oftmals sind die Handlungsoptionen für Unternehmen beschränkt, da Strom oder Gas im Produktionsprozess alternativlos sind. Vereinzelt waren in den letzten Monaten allerdings Produktionskürzungen zu verzeichnen, wenn keine Möglichkeit zur Weiterreichung der Mehrkosten bestand.

Auf der Beschaffungsseite für den Strom gewinnt ein Instrument für Unternehmen jedoch immer mehr an Bedeutung: Green Power Purchase Agreements (PPAs). Bei diesen langfristigen Ökostrom-Lieferverträgen schließen die Produzenten von grünem Strom einen Vertrag mit einem gewerblichen Abnehmer über einen festen Zeitraum und einen fixen Strompreis ab. Insbesondere bei höheren Strompreisen erweisen sich PPAs als ökonomisch sinnvoller Baustein in der Strombeschaffung. Der zertifizierte Ökostrom vermindert den CO2-Fußabdruck des Unternehmens und dekarbonisiert die eigenen Produktionsprozesse. Diese Treiber und das knappe Angebot an Grünstrom haben in diesem Jahr zu einem enormen Anstieg des PPA-Volumens in Deutschland geführt. Während zu Beginn insbesondere Großkonzerne aus Chemie-, Technologie- und Automobilbranche die Nachfrage getrieben haben, werden in Zukunft auch Unternehmen aus dem Mittelstand auf PPAs aufmerksam werden und diese nutzen.

Für Industrieunternehmen könnte es lohnen, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen, um eine längerfristige Sicherung der Strombeschaffungskosten zu erreichen. Alternativ besteht die Möglichkeit, eigene Produktionsstätten oder Gebäude mit Solar- oder Windenergieanlagen auszustatten, um selbst zum Erzeuger für einen Teilbedarf zu werden.

Eine weitere Stellschraube stellen Investitionen in Energieeffizienzsteigerungen dar, um beispielsweise den Ressourcenverbrauch in den eigenen Produktionsprozessen zu optimieren. Die aktuelle Förderlandschaft stellt dafür Beträge in nie dagewesener Höhe zur Verfügung, um die Dekarbonisierung der Industrie voranzutreiben, sowohl von deutschen als auch europäischen Fördergebern. Auch der Umstieg auf neue Produktionsprozesse und die Erprobung neuer Verfahren im industriellen Maßstab werden mit enormen Förderquoten bezuschusst. Unternehmen, die hier eine Vorreiterrolle spielen, können von der attraktiven Förderlandschaft enorm profitieren.

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