[Consumer & Retail-Information vom 8. Juni 2022]

Seit über zwei Jahren befindet sich die Papierindustrie in einer Ausnahmesituation. Ging man während des Jahreswechsels noch von einer Beruhigung in der Branche aus, sorgt der Krieg in der Ukraine wieder für erhebliche Unruhe. Der Blick auf den Produktionsindex verdeutlicht die hektische Zeit. Nach einem dramatischen Einbruch aufgrund des 1. Lockdowns konnte die Papierindustrie im Anschluss erheblich zulegen. Zuerst trieben die Hamsterkäufe bei Toiletten- und Hygienepapier die Produktionszahlen nach oben, im Anschluss sorgte die hohe Nachfrage nach Verpackungen für Lebensmittel und Online-Handel für eine vergleichsweise schnelle Erholung. Nach Zahlen des Verbands „Die Papierindustrie“ betrug der Produktionsrückgang 2020 3,3 %, der Rückgang in der deutschen Industrie insgesamt lag bei über 10 %. Das vergangene Jahr war ein sehr erfolgreiches Jahr, die Produktion konnte um 8,3 % zulegen, und auch der Absatz hat sich mit einem Zuwachs von 7,4 % deutlich erhöht.

Die gute Entwicklung wird jedoch durch massiv steigende Preise auf der Beschaffungsseite getrübt. 2020 waren insbesondere Altpapierversorgung und -preisentwicklung beherrschende Themen der Branche. Zwar verbesserte sich die Versorgungslage 2021, dennoch legten die Altpapierpreise weiter zu. Ab Mitte 2021 kam mit steigenden Gaspreisen weit vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine ein weiterer belastender Kostenfaktor hinzu. Ursachen waren die im Vergleich zum Vorjahr gestiegene Gasnachfrage insbesondere aus Asien, historisch niedrige Speicherfüllstände in Europa aufgrund des kalten Winters Anfang 2021 sowie niedrigere Importe aus Russland (IKB-Blog-Beitrag „Turbulenter Energiemarkt 2021, Ausblick und Handlungsoptionen für deutsche Unternehmen“ vom 16. Dezember 2021). Das historisch unbekannte Preisniveau wurde mit Ausbrauch des Krieges nochmals nach oben verschoben. Im März 2022 wurde ein Spitzenwert von über 200 € / MWh erreicht. Ein Jahr zuvor lag der Preis bei knapp 17 € / MWh.

Als energieintensive Branche bedeutet dieser Preissprung erhebliche Mehrkosten, die direkt auf die GuV der Papierindustrie durchschlagen. Wegen der kürzeren Preisbindung ist die Lage bei Papierherstellern dabei besser als bei weiterverarbeitenden Verpackungsherstellern. Papierhersteller können auf monatlicher Basis ihre Preise anpassen, zudem ist die Anzahl der Abnehmer relativ klein. Auch die anhaltend hohe Papiernachfrage erleichtert die Weitergabe der Kostensteigerungen. Verpackungshersteller arbeiten überwiegend mit Quartals- sowie Halbjahresverträgen und haben oftmals eine Vielzahl an Kunden, wodurch sich eine schnelle Preisweitergabe nicht nur vertraglich schwierig gestaltet, sondern auch administrativ. Dennoch ist die Situation für alle Marktteilnehmer sehr belastend, denn auch wenn sich Preiserhöhungen durchsetzen lassen, reichen diese in vielen Fällen nicht aus, um den massiven Anstieg aller Inputfaktoren auszugleichen.

Versorgung mit Erdgas als Unsicherheitsfaktor

Mit dem Beschluss eines Ölembargos im Rahmen des 6. EU-Sanktionspakets vom 31. Mai 2022 könnte die Diskussion um einen Einfuhrstopp für russisches Erdgas wieder an Fahrt aufnehmen. Zudem besteht die Gefahr, dass Russland seinerseits Gaslieferungen an Deutschland einstellt. Ein solches Szenario hätte für die Papierindustrie erhebliche Auswirkungen. Nach Angaben des Branchenverbands „Die Papierindustrie“ beträgt der Erdgasanteil am Gesamtbrennstoffeinsatz rund 55 %. Ein Lieferstopp würde damit zumindest vorübergehend einen flächendeckenden Produktionstopp mit sich bringen. In diesem Worst-Case-Szenario wären weite Teile der Wirtschaft betroffen. Es gibt so gut wie keine Branche, in der keine Verpackungen aus Papier bzw. andere Papierprodukte wie Hygiene- und Druckpapier benötigt werden. Problematisch für die Papierbranche ist, dass es in einem solchen Szenario noch keine adäquaten Alternativen gibt, und eine Vorbereitung schlichtweg nicht möglich ist. Auch mittelfristig verliert dieses Szenario nicht an Tragweite. Wie der Verband der Papierindustrie mitteilt, können nur 15 % der jährlich benötigen 26 Terrawattstunden Erdgas bis zum nächsten Winter durch andere Energieträger ersetzt werden.

Die Papierindustrie muss hoffen, dass eine Unterbrechung der Gasversorgung aus Russland ausbleibt. Aber auch ohne Gasembargo bleibt die Situation angespannt. Seriöse Prognosen zum weiteren Verlauf in2022 und 2023 sind mit Blick auf die aktuelle geopolitische Lage nicht möglich. Die Unternehmen können im lediglich auf Sicht fahren, wobei Liquiditäts- und Working Capital-Steuerung sowie Kostenmanagement im Fokus stehen. Zudem berichten viele Unternehmen, dass sie gleichzeitig bei den Investitionen auf die Bremse zu treten, um ihre Flexibilität zu erhöhen.

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