Konjunktureintrübung hinterlässt Spuren beim Branchenausblick

Deutsches Wirtschaftswachstum 2018: 2 % kaum mehr erreichbar

[Kapitalmarkt-News vom 21. Juni 2018] Nach ernüchternden BIP-Wachstumszahlen im ersten Quartal des Jahres (nur + 0,3 % zum Vorquartal) zeigt die deutsche Wachstumsdynamik weiterhin keine klaren Signale einer Wende bzw. Erholung. Industrielle Auftragseingänge und Produktion bleiben schwach. In Folge dieser Entwicklungen kam es jüngst zu einer Welle von Prognosekorrekturen: Die Bundesbank senkte ihre Wachstumsprognose für 2018 von 2,5 % auf 2,0 %, während das ifo Institut sogar eine Revision von 2,6 % auf 1,8 % vornahm. Auch die IKB hatte bereits im Mai ihre Prognose auf rund 2 % reduziert, wobei das Prognoserisiko weiter nach unten gerichtet ist; denn mit einem schwachen zweiten Quartal wird ein BIP-Wachstum in Deutschland von um oder über 2 % in 2018 immer unrealistischer.

Welthandel und -Industrieproduktion haben an Dynamik eingebüßt

Die Weltwirtschaft befindet sich weiterhin auf einem relativ stabilen Pfad. Das US-Wachstum überzeugt anhaltend auch dank der US-Fiskalpolitik, Chinas Zahlen sind wie erwartet, und die Schwellenländer sind – bis auf Devisenkursabwertungen insbesondere in Brasilien, der Türkei, Argentinien und Russland – durch keine bedeutenden Risiken gekennzeichnet. Ein Aspekt, der überrascht, ist die deutliche Verlangsamung der globalen Wachstumsdynamik des Handels und der Industrieproduktion. Jüngste Zahlen deuten eine Stagnation der weltweiten Industrieproduktion seit Jahresanfang an, im Vorjahresvergleich ergibt sich für die Produktion allerdings immer noch ein Plus von über 3 %. Nach der starken Produktionssteigerung im Verlauf von 2017, die mit 4,6 % zum höchsten Jahreswachstum seit 2011 führte, mag eine Verschnaufpause auch infolge ausgelasteter Kapazitäten durchaus angebracht sein.

Doch welche Relation besteht zwischen der globalen Industrieproduktion und dem Welthandel? Ist es die Verschnaufpause der Industrieproduktion, die den Welthandel dämpft, oder ist es der schwächere Welthandel, der die Industrieproduktion bremst? Anders ausgedrückt: Ist die Angebots- oder die Nachfrageseite der Weltwirtschaft verantwortlich? Empirische Tests sind eindeutig: Es ist die Industrieproduktion, die den Welthandel treibt. So sollte die aktuelle Verlangsamung der Wachstumsdynamik des Welthandels nicht überbewertet werden, sondern muss im Kontext zur moderateren Industrieproduktion, die letztes Jahr stark expandierte und womöglich erst mit zusätzlichen Kapazitäten weiter zulegen kann, gesehen werden.

Welthandel, Veränderung zum Vorjahresmonat in %

Ausblick für deutsche Industriebranchen

Für eine extrem offene Volkswirtschaft wie die deutsche stellt ein möglicher eskalierender Handelskonflikt mit wichtigen Handelspartnern ein grundsätzliches Risiko für den Ausblick dar. Hier sollten weniger einzelne Zölle im Fokus stehen, sondern die möglichen Folgen eines umfassenden Handelskrieges aufgrund der Unstimmigkeiten zwischen den USA und wichtigen Handelspartnern wie China und die EU. Ohne Zweifel ist der globale Handel wichtiger Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft, insbesondere für umsatzstarke Branchen wie Chemieindustrie, Elektrotechnik, Maschinenbau und Automobilindustrie. So zeigt sich der Einfluss der sich global eintrübenden Daten bereits im Produktionsniveau einzelner Branchen sowie der gesamten deutschen Industrie.

2017 konnte die deutsche Industrieproduktion im Vergleich zum Vorjahr um fast 6 % zulegen. Im April 2018 lag die Produktion allerdings um fast 2 % unter dem Januarwert 2018 bzw. fast auf dem Niveau vom Herbst 2017. Angesichts der schlechten Frühindikatoren-Werte könnte sich der Rückgang im Mai und womöglich im Juni durchaus fortgesetzt haben. Damit steigt das Risiko, dass die Industrieproduktion Mitte 2018 nicht viel höher ausfällt als zu Jahresanfang 2017, was im Kontext der Wachstumsdynamik des Vorjahres als enttäuschend einzuschätzen wäre. Im Verlauf von 2017 lag das Wachstum der deutschen Industrieproduktion deutlich über dem der globalen Industrieproduktion. Aktuell scheint es umso mehr an Dynamik zu verlieren.

Industrieproduktion, Index: 2010 = 100

Bis auf die Textilbranche verzeichneten zwischen Januar und April 2018 tendenziell alle wichtigen Branchen des Verarbeitenden Gewerbes einen Rückgang ihrer monatlichen Produktion. Allerdings ist zu beachten: Es hatte im Verlauf von 2017 deutliche Produktionssteigerungen gegeben, sodass das Minus grundsätzlich nicht überbewertet werden sollte. Für einzelne Branchen ergibt sich dabei ein differenziertes Bild: Die Glas- und Keramikbranche erreichte durch die Produktionseinbußen nur das Niveau von Januar 2017. Das erwirtschaftete starke Plus im Verlauf des letzten Jahres wurde somit vollständig aufgebraucht. Insgesamt sind es allerdings nur die Branchen Metallbearbeitung und Möbelindustrie, die im April 2018 ein niedrigeres Produktionsniveau als im Januar 2017 ausgewiesen haben. Die Produktion der Elektroindustrie war zwar seit Januar 2018 um rund 3 % gesunken, allerdings fiel das Produktionsniveau im April 2018 immer noch um 3 % höher aus als zu Anfang 2017. Ähnliches gilt für Maschinenbau und Automobilindustrie – trotz relativ leichter Rückgänge in den ersten vier Monaten 2018 zeigen diese Branchen im Kontext der globalen Wachstumsverlangsamung ein immer noch relativ stabiles Bild. Bei beiden Branchen lag die Produktion im April 2018 um fast 5 % über dem Niveau von Anfang 2017, ähnliches gilt für Metallerzeugnisse. Die Zahlen sind insoweit verwunderlich, da gerade diese Branchen eine hohe Sensitivität zum Konjunkturzyklus aufweisen. Überzeugen kann ebenfalls die Chemieindustrie, deren Produktion im April um fast 6 % über dem Niveau von Anfang 2017 gelegen hat. Die Branche profitiert nach wie vor von der starken Wachstumsdynamik im Verlauf des letzten Jahres, denn auch die Chemieindustrie hat seit Anfang 2018 mit Produktionsrückgängen zu kämpfen.

Die bisherigen Produktionszahlen sowie der Ausblick auf eine moderatere Wachstumsdynamik im zweiten Quartal deuten insgesamt auf die Notwendigkeit von zum Teil deutlichen Revisionen bei den Wachstumsprognosen einzelner Branchen hin. Die hohe Produktionssteigerung in der zweiten Jahreshälfte 2017 sowie Zweifel an einer kurzfristigen klaren Erholung der generellen Wachstumsdynamik stärken diese Einschätzung. Damit dürften sich für einige Branchen trotz einer erwarteten Stabilisierung bzw. Erholung in der zweiten Jahreshälfte 2018 im Vorjahresvergleich Produktionsrückgange ergeben. Größere Korrekturen müssen für die Branchen Metallbearbeitung, Glas und Keramik, Möbel, Nahrungsmittel sowie Gummi und Kunststoffe vorgenommen werden. Das Wachstum der vier größten Branchen Chemie, Maschinenbau, Elektro und Automobil sollte 2018 immer noch bei rund oder über 1 % liegen. Allerdings sind auch diese Zahlen weit von den ursprünglichen Produktionsprognosen für 2018 entfernt.

Deutschland: Reale Veränderung der Industrieproduktion in % zum Vorjahr

Fazit

Der Welthandel hat seit Jahresanfang deutlich an Dynamik verloren; eine Entwicklung, die vor allem aus der stagnierenden globalen Industrieproduktion resultiert. Sorgen über eine grundsätzliche Abschwächung des Welthandels und der Globalisierung sind allerdings unangebracht, auch wenn ein eskalierender Handelskonflikt zwischen den USA und ihren Partnern weiterhin möglich ist.

Die deutsche Industrie musste in diesem Umfeld seit Jahresanfang Produktionseinbußen hinnehmen, was zum Teil nennenswerte Korrekturen der Prognosen für 2018 zur Folge hat. Die umsatzstärksten Branchen der deutschen Wirtschaft – Chemie, Maschinenbau, Elektro und Automobil – dürften 2018 aber ein Produktionswachstum von rund 1 % verzeichnen können.

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Dr. Klaus Bauknecht ist als Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG verantwortlich für die volkswirtschaftlichen Analysen, Prognosen und Einschätzungen der Bank. Zudem lehrt der promovierte Volkswirtschaftler an der Nelson Mandela University in Südafrika. Zuvor arbeitete er in verschiedenen leitenden Positionen anderer Banken und im südafrikanischen Finanzministerium. Er schreibt zu aktuellen und übergeordneten Konjunktur-, Volkswirtschafts- und Marktthemen.

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