[Consumer & Retail-Information vom 30. September 2021]

Die Logistikbranche in Deutschland ist von zentraler Bedeutung für die heimische Wirtschaft. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sie nach Angaben der Bundesvereinigung Logistik (BVL) einen Umsatz von 272 Mrd. € und beschäftigte mehr als drei Millionen Menschen. Wie wichtig eine funktionierende und widerstandsfähige Logistik ist, hat sich im vergangenen Frühjahr gezeigt, als Lieferketten aufgrund von Nachfrage-Peaks bei einzelnen Produkten zwar unter Druck gerieten, im Wesentlichen aber intakt blieben. Welche Auswirkungen es hat, wenn der Logistikmotor ins Stocken gerät, zeigt sich gerade in Großbritannien, wo aufgrund der Folgen des Brexit und der Covid-19-Pandemie Supermarktregale leer bleiben und Tankstellen auf Diesel und Benzin warten.

Dementsprechend wichtig ist es, die Logistikbranche in Deutschland vor dem Hintergrund zentraler Themen und anstehender Transformationsprozesse zukunftsfähig aufzustellen und sich den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen. Die folgenden drei Themen sind aus Sicht der IKB Schlüsselthemen für die Branche:

1. Fahrermangel: Bottleneck für die Logistikbranche

Dass es in Deutschland perspektivisch zu einer Situation kommen kann, wie wir sie derzeit in Großbritannien beobachten, ist nicht ausgeschlossen. Dort hat sich der Fahrermangel zwar auch aufgrund der Pandemie und der Folgen des Brexit nochmals verschärft, allerdings wäre es zu kurz gedacht, allein diese externen Faktoren dafür verantwortlich zu machen. Ein Blick nach Deutschland unterstreicht, dass die Probleme europaweit struktureller Natur sind. So fehlen hier zu Lande aktuell laut Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) zwischen 60.000 und 80.000 Fahrer. Perspektivisch wird erwartet, dass die Lücke jedes Jahr um bis zu 15.000 Fahrer wächst, weil weitaus mehr Beschäftigte aus dem Beruf ausscheiden, als neue Arbeitskräfte gewonnen werden können. Nicht zuletzt, weil einer vergleichsweise geringen Entlohnung gleichzeitig herausfordernde Arbeitsbedingungen gegenüberstehen, die das Berufsbild für junge Menschen zunehmend unattraktiv erscheinen lässt.

Das Problem ist für die Branche nicht neu und dennoch reichen die bisher erarbeiteten Lösungsansätze nicht aus, um dem Personalmangel effektiv zu begegnen. So sind die Maßnahmen des im letzten Jahr verabschiedeten europäischen Mobilitätspaketes ein Tropfen auf den heißen Stein und autonomes Fahren ist laut Experten vor 2035 noch kein Thema und auch dann nur bedingt geeignet, um den Personalbedarf zu reduzieren. Ebenso reicht eine Verlagerung des Straßengüterverkehrs auf die Schiene im momentan möglichen Umfang bei weitem nicht aus, um den Personalmangel wesentlich abzufedern. Kurzfristig scheinen also eine höhere Entlohnung sowie weitere Sozialleistungen die effektivsten Möglichkeiten zu sein, um Nachwuchskräfte anzulocken mit entsprechend steigenden Kosten für Logistikunternehmen.

2. Digitalisierung: Immer mehr Start-Ups drängen in den Markt

Unter den Schlagwörtern Logistik 4.0 oder LogTech ist Digitalisierung schon seit längerem ein Schlüsselthema. Dahinter verbergen sich Technologien rund um Big Data und künstliche Intelligenz, die in der Lage sind, Prozesse entlang der gesamten Supply Chain effizienter, transparenter und letztlich resilienter zu gestalten. Für Marktteilnehmer bietet sich mit Hilfe dieser Technologien die Möglichkeit, Kosten zu sparen und die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Zuletzt hat das Thema Digitalisierung auch aufgrund der Pandemie nochmals an Bedeutung gewonnen. Immer mehr Start-Ups drängen mit digitalen Geschäftsmodellen in den Markt und setzen etablierte Unternehmen unter Druck. Ein Beleg für die derzeit herrschende Dynamik in der Branche liefert ein Blick auf die Kapitalmärkte. Nach Angaben des Beratungsunternehmens PwC stieg das Dealvolumen in Europa  mit einem Fokus auf digitale Services und Marktplätze bei Transport & Logistik von 40 Mio. US-$ im Jahr 2016 auf 276 Mio. US-$ im Jahr 2020. Bekannte Beispiele junger Unternehmen, die in jüngerer Vergangenheit in Deals involviert waren, sind sennder und Forto. So kaufte die deutsche Digitalspedition sennder u. a. das niederländische Speditionsunternehmen Cars&Cargo und Forto erhielt erst kürzlich in einer Finanzierungsrunde 240 Mio. US-$, um die weitere Expansion des Unternehmens zu finanzieren.

Logistiker, die in der „alten Welt“ groß geworden sind, stehen angesichts dieser Dynamik zunehmend unter Zugzwang und vor der Herausforderung, ihre Prozesse schnellstmöglich zu transformieren und eine wettbewerbsfähige digitale Infrastruktur aufzubauen. Hierzu sind jedoch nicht nur technische Investitionen erforderlich, sondern auch Investitionen in die Aus- und Weiterbildung des Personals.

3. Nachhaltigkeit: Der regulatorische Druck auf die Branche wird zunehmen

Der Logistikbranche, allen voran dem Straßengüterverkehr, wird beim Klimaschutz eine tragende Rolle zukommen, denn auf diesen entfällt sowohl in Deutschland als auch global ein nicht unerheblicher Teil der CO2-Emissionen. Grundsätzlich kam es in der Vergangenheit zwar zum Einsatz effizienterer Fahrzeuge, allerdings wurde dieser Effekt durch das höhere Verkehrsaufkommen fast vollständig kompensiert.

Es ist also kein Blick in die Glaskugel nötig, um vorherzusehen, dass der regulatorische Druck auf die Branche zunehmen wird. So hat die Bundesregierung mit einer Gesetzesnovelle erst kürzlich die Klimaschutzvorgaben verschärft und festgelegt, dass Deutschland bereits 2045 (statt bisher 2050) Klimaneutralität erreichen soll. Dazu wurden die zulässigen CO2-Emissionsmengen einzelner Sektoren, darunter auch die des Verkehrssektors, gesenkt. Hinzu kommt die bereits Anfang dieses Jahres in Deutschland in Kraft getretene CO2-Bepreisung, die sich in höheren Kosten für Diesel und damit in höheren Betriebskosten für Logistiker niederschlagen wird.

Um den strengeren CO2-Vorgaben langfristig gerecht zu werden, sind massive Investitionen in den Fuhrpark unausweichlich. Allerdings sind diese derzeit mit enormer Unsicherheit verbunden und daher für viele Marktteilnehmer noch keine Option. Denn noch herrscht Uneinigkeit darüber, welche Antriebstechnologie sich für schwere Nutzfahrzeuge künftig durchsetzen wird – Brennstoffzelle oder Batterie? Ungeachtet der herrschenden Unsicherheit schaffen die Großen der Branche bereits Fakten und kündigen umfangreiche Transformationsprozesse und Investitionsprogramme an. So will die Deutsche Post DHL bis 2030 7 Mrd. € im Rahmen der neuen Nachhaltigkeitsstrategie investieren, u. a. in den Umstieg auf elektrisch betriebene Fahrzeuge für die Abwicklung der letzten Meile.

Wohin geht die Reise?

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Logistikbranche entscheidet sich mit einer adäquaten Positionierung gegenüber genannten Schlüsselthemen. Für Digitalisierung und Klimaschutz wird auch die Zusammensetzung der künftigen Bundesregierung sowie deren Positionierung gegenüber diesen wichtigen Zukunftsthemen eine bedeutende Rolle spielen. Bereits jetzt existieren im Rahmen der bestehenden Fördermittellandschaft attraktive staatliche Fördermöglichkeiten, die Unternehmen bei ihren anstehenden Transformationsprozessen unterstützen.

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