[Kapitalmarkt-News vom 10. April 2019]

In einem Umfeld politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit ist eine Notenbank gut beraten, sich als Anker der Stabilität und des Vertrauens zu präsentieren. Dies gilt vor allem dann, wenn sie bereits seit Jahren ambitioniertes Handeln betreibt. Aus dieser Sicht war von der EZB heute relativ wenig zu erwarten – was auch fundamental durchaus seine Berechtigung hat. Denn der Konjunkturausblick für die Euro-Zone hat sich nach den deutlichen Revisionen im März nicht weiter eingetrübt. Das Risiko eines Brexit mit all seinen Folgen besteht hingegen weiter. Aus dieser Sicht war es wichtig, dass die EZB ihre grundsätzliche Handlungsbereitschaft in gewohnter Manier signalisiert, ohne durch überambitionierte Ankündigungen für zusätzliche Nervosität und mögliche Überreaktionen auf den Märkten zu sorgen.

Die Verflachung der Zinskurve in Reaktion auf die EZB-Ankündigungen der letzten Monate und konjunkturelle Risiken haben zu einer erneuten geldpolitischen Lockerung geführt. In der heutigen Sitzung hat die EZB sichergestellt, dass das Momentum dieser Lockerung beibehalten wird. Denn auch wenn keine weiteren konkreten Äußerungen hinsichtlich des Refinanzierungsprogramms TLTRO III oder der Staffelung des Einlagenzins gefallen sind, so festigt die EZB die Erwartung einer noch auf lange Sicht anhaltenden und äußerst reaktiven Geldpolitik, indem sie die Konjunkturentwicklung kritisch einschätzt und die Risiken betont, was die Verflachung der Zinskurve festigt. Grundsätzlich bleibt die Wahrscheinlichkeit einer Zinswende selbst im Jahr 2020 klein. Denn aufbauender Druck auf den EUR/USD-Devisenkurs in Folge einer nachlassenden US-Konjunkturdynamik und mögliche Zinssenkungen durch die Fed bergen das Risiko einer ungewollten geldpolitischen Straffung  in der Euro-Zone. Zudem engen hohe Schuldenquoten und konjunkturelle Risiken den Spielraum für Zinsanhebungen selbst mittelfristig fundamental ein. Draghi betonte, das Ziel jeglicher Wirtschaftspolitik liege darin, Zinsanhebungen für den Staat zu verhindern. Seine Aussage  bezog sich zwar auf die Fiskalpolitik und damit zusammenhängende Risikoprämien. Sie kann allerdings ebenso auf die EZB-Rahmenbedingungen in der Euro-Zone übertragen werden.

Die EZB ist überzeugt mit ihren geldpolitischen Maßnahmen eine zumindest perspektivisch ausreichend dynamische Kreditvergabe für die Realwirtschaft sicherstellen. Dennoch schätzt die EZB das Konjunkturrisiko weiterhin als relativ hoch ein. Mögliche negative Effekte aus der negativen EZB-Zinspolitik für die Kreditvergabe von Banken will die EZB in den kommenden Monaten evaluieren. Dies hat Spekulationen über eine mögliche Staffelung des Einlagenzins ausgelöst, was womöglich noch langfristiger zu negativen Zinsen führen könnte. Draghi hat sich jedoch zu keinen konkreteren Aussagen hinreißen lassen. Er betonte jedoch, dass es bis dato keine offensichtlich negativen Konsequenzen aus der negativen Zinspolitik für die Kreditvergabe zu geben scheint. Die EZB stehe jedoch erst am Anfang ihrer Überlegungen und Analysen zu diesem Thema. Laut Draghi werden die Konjunkturdaten und EZB-Prognosen im Juni von primärer Bedeutung für die zukünftige geldpolitische Ausrichtung sein. Aktuell schätzt die EZB die Eintrittswahrscheinlichkeit einer Rezession trotz der hohen Risiken als eher niedrig ein.

Fazit: Eine durch das lange Ende verursachte Verflachung der Zinskurve signalisiert eine geldpolitische Lockerung. Eine derartige Entwicklung wurde durch die heutigen Kommentare von Draghi gestärkt. Zwar gab es keine Hinweise auf mögliche nächste Schritte der EZB – was auch nicht erwartet worden war, der Fokus der EZB auf Konjunktur und Risiken haben jedoch bestätigt, dass sie weiterhin eher reagieren denn agieren wird. Hohe Schuldenquoten, konjunkturelle Risiken sowie eine mögliche Aufwertung des Euro-Devisenkurses engen den Spielraum für Zinsanhebungen auch mittelfristig ein.

 

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