[Kapitalmarkt-News vom 24. Juni 2021]

Fazit: Lieferengpässe, knappe Frachtkapazitäten, fehlende Halbleiter und Rohstoffpreisanstiege sorgen für Verstimmung – vor allem bei Prognostikern. Doch die Unternehmen selbst sind nach wie vor recht optimistisch gestimmt. Und das ist berechtigt, denn die Nachfrage nach Gütern ist lokal und vor allem global robust; kräftige Aufholeffekte des privaten Konsums sind zu erwarten.

Produktionsprobleme bei den Branchen des deutschen Verarbeitenden Gewerbes haben jedoch zu einer deutlich heterogeneren Entwicklung geführt als es Konjunkturlage und Nachfrage signalisieren. Dies betrifft vor allem das aktuelle Jahr und weniger das nächste. Viele angebotsseitige Probleme sollten sich relativ zügig auflösen – davon scheinen auch die Unternehmen auszugehen. Das gilt sogar für die durch die Halbleiterknappheit stark betroffene Automobilindustrie.

Damit bleibt der Ausblick positiv – für das Verarbeitende Gewerbe insgesamt und auch für die einzelnen Industriebranchen – Automotive eingeschlossen. Die IKB erwartet ein BIP Wachstum von 3,5 % in diesem Jahr und von 4,5 % im Jahr 2022.

Zunehmende Lockerungen in der Wirtschaft stärken die Erwartungen der Unternehmen: Der Ausblick hellt sich auf. Die Mehrzahl der Unternehmen im Dienstleistungssektor wie im Verarbeitenden Gewerbe sehen der Zukunft positiv entgegen. Stimmungsindikatoren wie die Einkaufsmanager-Indizes oder das ifo Geschäftsklima haben sich weiter verbessert, getrieben insbesondere vom Dienstleistungssektor. So hat sich das ifo Geschäftsklima im Juni erneut kräftig um 2,6 Punkte auf 101,8 Punkte aufgehellt. Dabei haben die Unternehmen insbesondere ihre aktuelle Lage deutlich besser beurteilt. Hier gab es ein Plus von 3,9 Punkten. Aber auch die Geschäftsaussichten für die nächsten sechs Monate fielen erneut positiver aus. Dieser Index stieg um 1,1 Punkte.

Für die Dienstleistungsbranche ist der Ausblick auf eine wirtschaftliche Normalisierung und Erholung nun in greifbare Nähe gerückt. Für das Verarbeitende Gewerbe gibt die Nachfrage zwar schon lange keinen Grund mehr zur Sorge, Rohstoffpreisanstiege und Lieferengpässe allerdings schon. Doch steigende Industrierohstoffpreise sollten die gute Laune nicht vermiesen – sind sie doch selbst das Ergebnis eines sich aufhellenden und positiven Konjunkturverlaufs (IKB-Kapitalmarkt-News 25. Mai 2021). Für die Bewertung von Lieferengpässen, insbesondere von Halbleitern, gilt dies weniger. Hier reichen die Weitergabe des Preisdrucks an den Kunden oder eine höhere Bereitschaft für Preissteigerungen beim Einkauf nicht aus, um Angebot und Nachfrage auszugleichen, denn das Angebot von Halbleitern ist gänzlich unelastisch. Die Produktion hinkt dem Bedarf – vor allem der Automobilindustrie – hinterher, was eher Produktionseinschränkungen als Preiserhöhungen mit sich bringt.

Angebotsprobleme führen zu heterogenem Produktionswachstum der Branchen

Steigende Industrierohstoffpreise und fehlende Halbleiter wirken sich also grundsätzlich unterschiedlich aus, auch wenn beide aufgrund ihrer Knappheit die Angebotsseite der deutschen Güterproduktion belasten. Bei den Rohstoffpreisen werden Angebot und Nachfrage durch höhere Preise ins Gleichgewicht gebracht – mit relativ geringem Einfluss auf die Produktion; vor allem, weil die starke Nachfrage Haupttreiber für die Preiserhöhungen ist. Bei Halbleitern hingegen muss die lokale Automobilproduktion kurzfristig den gesamten Anpassungsprozess tragen. Die deutschen Industriebranchen sollten demnach eine zunehmende Divergenz aufweisen, mit der Automobilindustrie als Hauptleidtragendem.

Macht es unter diesen Umständen überhaupt Sinn, sich Gedanken über den allgemeinen Konjunkturverlauf oder die Stimmung im gesamten Verarbeitenden Gewerbe zu machen? Und wie bedeutend sind die branchenspezifischen Angebotsprobleme für einzelne Branchen? Welchen Einfluss hat aktuell die sich weiter aufhellende Stimmungslage? Was die Produktion angeht, so gibt es seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie klare Unterschiede zwischen den Branchen. Chemie- und Elektronikindustrie sind relative Gewinner. Ihr Produktionswachstum fällt seit der Corona-Pandemie nicht nur deutlich höher aus als im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt; ihr Produktionsniveau liegt auch bereits über dem des Vorkrisenniveaus Anfang 2019. Diese Branchen haben die Folgen der Pandemie verarbeitet bzw. wurden bis dato deutlich weniger in Mitleidenschaft gezogen als das Verarbeitende Gewerbe insgesamt. Auf der Verliererseite gibt es insbesondere eine Branche – die Automobilindustrie. Durch ihren starken Produktionsrückgang von über 30 % zwischen Anfang 2019 und Mai 2021 hat sie zudem die Dynamik der gesamten Industrie bestimmt. Metallindustrie und Maschinenbau laufen hingegen ähnlich wie das gesamte Verarbeitende Gewerbe. Ihr Produktionsrückgang betrug zwischen 6 und 7 %, für das Verarbeitende Gewerbe insgesamt war ein Minus von 8 % zu verzeichnen. Aktuell zu beobachten:

  • Die Branchenentwicklung verläuft seit Beginn der Corona-Pandemie unterschiedlicher als vor der Krise. So bestimmt
    eher die Angebotsseite den Produktionsverlauf in vielen Branchen als die allgemeine Konjunkturentwicklung.
  • Die Automobilindustrie ist in der Pandemie aufgrund des Halbleitermangels der größte Verlierer. Dennoch sind auch hier die Unternehmen laut ifo Geschäftsklima optimistisch gestimmt.
  • Chemie- und Elektroindustrie weisen einen relativ stabilen Produktionsverlauf auf – absolut und insbesondere relativ zu anderen Branchen.

Die dominante Rolle der Automobilindustrie in der gesamten deutschen Industrie beeinflusst die Dynamik des gesamten Verarbeitenden Gewerbes stark und verhindert bis dato eine deutlich dynamischere Erholung.

Engpässe von Frachtkapazitäten belasten Exportausblick – aber nur kurzfristig

Neben hohen Rohstoffpreisen und fehlenden Halbleitern sorgt mangelnder Frachtraum für weitere Probleme auf der Angebots- wie Nachfrageseite. Finale oder Intermediäre Güter können nur verspätet zum Kunden geliefert werden. Grund hierfür ist die durch die Corona-Einschränkungen entstandene Umschichtung der Nachfrage von Dienstleistungen zu Konsumgütern. So ist der Containerumschlag bereits im Juli 2020 wieder auf das vor-Corona-Niveau angestiegen. Aktuell liegt er rund 10 % darüber und sollte sich infolge der Öffnung der Dienstleistungsbranchen stabilisieren. Im dritten Quartal ist zwar mit einem deutlichen Anstieg des privaten Konsums zu rechnen. Dieser sollte allerdings mit einer Umschichtung der Nachfrage von produzierten Gütern auf Dienstleistung einhergehen, was die Frachtkapazitäten entlasten dürfte. Allerdings könnte das Exportvolumen auch noch im dritten Quartal aufgrund mangelnden Frachtraums belastet werden. Dies würde deutlich mehr Branchen negativ beeinflussen als nur die Automobilindustrie, da die Exportquote von allen deutschen Branchen relativ hoch ist. 

Ausblick 2021: 3,5 %-Wachstum fest im Blick

Der Halbleitermangel wird die Produktion der Automobilindustrie im zweiten und auch noch im dritten Quartal 2021 belasten. Doch die BIP-Wachstumsprognose der IKB von 3,5 % für dieses Jahr beruht vor allem auf den Aufholeffekten und der Wiederbelebung des privaten Konsums bzw. der Nachfrage nach Dienstleistungen. Der Ausblick für das Jahr 2022 ist von den Angebotsproblemen im Verarbeitenden Gewerbe weniger betroffen. Neu verhandelte Lieferverträge bei Vorleistungsgütern sowie sich ausweitende Kapazitäten sollten für eine spürbare Reaktion der Angebotsseite auf die weltweite dynamische Nachfrage sorgen. Die IKB erwartet im Jahr 2022 ein BIP-Wachstum für Deutschland von 4,6 % und sieht das Risiko weiterhin eher in einer höheren Inflation als in einem schwächeren Wachstum – zumindest im aktuellen Jahr.

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Co Authors :

Dr. Carolin Vogt beschäftigt sich als Direktorin im Bereich Volkswirtschaft mit Konjunkturthemen und Branchen- und Ländereinschätzungen. Ein weiterer Schwerpunkt bilden Themen um den Mittelstand. Vor ihrer Tätigkeit bei der IKB arbeitete sie als Consultant für die Automobilindustrie bei R. L. Polk, Germany. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Volkswirtschaft an der Universität Osnabrück und in einem Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft beschäftigt.