[Consumer & Retail-Information vom 27. April 2020] Im Januar blickten die deutschen Brauereien noch optimistisch auf das Jahr 2020. Gleich zwei große Sportevents – Olympia und Fußball-Europameisterschaft – ließen auf einen umsatzstarken Sommer hoffen, der nach einem Absatzminus von gut 2 % im vergangenen Jahr wieder Wachstum versprach. Drei Monate später könnte der Ausblick auf das restliche Jahr kaum gegensätzlicher sein. Das Coronavirus droht die mit einem sinkenden Pro-Kopf-Konsum kämpfende Branche in eine Absatzkrise zu stürzen, die den laufenden Strukturwandel beschleunigt und zu einer Ausdünnung der Anbieterlandschaft führt.

Abhängigkeit vom Gastronomiegeschäft

Die aktuelle Krise trifft die Branche in einer Schwächephase und spitzt die Lage für alle Marktteilnehmer in einem teilweise existenzbedrohlichen Ausmaß zu, besonders betroffen sind kleine und mittelständische Brauereien. Diese sind im Vergleich zu Großbrauereien überproportional von Umsätzen mit der Gastronomie abhängig und können diese nicht oder nur teilweise mit Umsätzen im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) oder in Getränkefachmärkten kompensieren. Das nahezu vollständige Herunterfahren der Gastronomie führt laut Branchenverband DEHOGA bereits bis Ende April zu einem Umsatzverlust von circa 10 Mrd. €. Zwar liegt der Gastronomieanteil bei den deutschen Brauereien im Durchschnitt bei moderaten 20 %, bei vielen kleineren Brauereien ist dieser Anteil mit 60 bis 80 % jedoch deutlich höher. Gasthausbrauereien sind zu 100 % betroffen und eine Schließung des Ausschanks ist gleichbedeutend mit einem temporären Entzug der Geschäftsgrundlage. Hinzu kommt, dass sämtliche Großveranstaltungen verschoben oder abgesagt wurden. Neben der für die Branche wichtigen Fußball-Europameisterschaft betrifft das z. B. Spiele der Fußball-Bundesliga, Konzerte, Volksfeste und Messen. Selbst bei einer Lockerung der Beschränkungen in der Gastronomie sind im weiteren Jahresverlauf deutliche Einbußen im Außer-Haus-Konsum zu erwarten.

Nicht nur die Kleinen bekommen das Ausmaß der Krise zu spüren

Die derzeitige Situation wird aber auch an den Großen der Branche nicht spurlos vorbeigehen. Neben den bereits erwähnten Einbußen im Gastronomiegeschäft wird auch der Export deutlich geringer ausfallen, zumal mit Italien ein Hauptabsatzland von der Pandemie besonders betroffen ist. Mit dem LEH und Getränkefachmärkten stehen jedoch zwei intakte Vertriebskanäle zur Verfügung, die Umsatzeinbußen zumindest teilweise kompensieren. Brauereien, die also diversifiziert aufgestellt sind und einen Schwerpunkt im Off-Trade-Segment aufweisen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem blauen Auge davonkommen, vorausgesetzt es kommt im Verlauf des Jahres nicht zu übermäßigen Preiskämpfen, welche die Erträge zusätzlich unter Druck setzen. In jedem Fall wird die Coronakrise deutliche Umsatzeinbußen in den Bilanzen – auch der großen deutschen Brauer – hinterlassen.

Probleme auf der Beschaffungsseite?

Auswirkungen könnte die Coronakrise auch auf die Versorgung mit Hopfen haben. Die Hopfenernte steht zwar erst im Spätsommer an, allerdings ist der weitaus arbeitsintensivere Prozess das Anleiten des Hopfens, das jetzt im Frühjahr startet. Hierfür werden jährlich ca. 15.000 Saisonarbeiter benötigt, bislang überwiegend aus Polen oder Rumänien, die aufgrund der Pandemie entweder freiwillig beschlossen haben, nicht nach Deutschland zu reisen oder bis vor kurzem noch an der Einreise gehindert wurden. Eine leichte Entspannung der Lage zeichnete sich zuletzt mit dem Entscheid der Bundesregierung ab, die im April und Mai insgesamt die Einreise von bis zu 40.000 Arbeitern ermöglicht. Hopfenbauer stehen hier jedoch in Konkurrenz zu anderen Landwirten wie Spargel- und Erdbeerbauern, die ebenfalls auf Hilfe angewiesen sind. Im schlimmsten Fall ist die Hopfenernte nach zwei Dürrejahren aufgrund fehlender Arbeitskräfte 2020 erneut geringer als im langjährigen Durchschnitt, mit entsprechenden Auswirkungen auf Verfügbarkeit und Preise.

Forderung nach staatlichen Hilfen

Die Branche fordert staatliche Unterstützung, um existenzbedrohende Situationen infolge der Coronakrise zu vermeiden. Ein erstes Entgegenkommen signalisierte das Bundesfinanzministerium bereits. So kann die anfallende Biersteuer bis zum 31. Dezember 2020 gestundet werden, um den Brauereien lebensnotwendige Liquidität zu erhalten. Dabei handelte es sich im Jahr 2019 immerhin um einen Betrag von 650 Mio. €. Des Weiteren stehen Brauereien die Zuschusstöpfe des Bundes und der Länder sowie Hilfen aus KfW-Sonderprogrammen zur Verfügung.

Branche wird sich nachhaltig verändern

Erste Anzeichen einer leichten Entspannung dürfte es frühestens Mitte Mai geben, sofern auch das Gastgewerbe von ersten Lockerungsmaßnahmen profitieren kann und das Gastronomiegeschäft der deutschen Brauereien eine schrittweise Wiederbelebung erfährt. Ebenso wichtig insbesondere für größere Marktteilnehmer ist ein schnelles Anlaufen des Exportgeschäfts. Da Großveranstaltungen mindestens bis in den Herbst 2020 hinein ausfallen oder nur stark eingeschränkt stattfinden werden, dürfte eine nachhaltige und flächendeckende Erholung der Branche erst gegen Ende des Jahres eintreten.

Der Strukturwandel in der Brauereiwirtschaft wird durch die Coronakrise nochmals an Dynamik gewinnen. Der zu beobachtende Trend zu mehr Regionalität bei Bierkonsum und die Nachfrage nach Produkten kleinerer Brauereien wird aufgrund der erwarteten finanziellen Probleme in dieser Anbietergruppe zurückgeworfen, unseres Erachtens aber im nächsten Jahr wieder Fahrt aufnehmen.

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