Aktienmärkte: Luftloch oder Strömungsabriss?

[Kapitalmarkt-News vom 12. Oktober 2018] Es gibt keine Alternative. Diese Aussage hat die Aktienmärkte die letzten Jahre begleitet –aufgrund der Geldpolitik wichtiger Notenbanken nicht völlig unbegründet. Niedrige Renditen und eine negative Zinspolitik haben Aktienmärkte zur sicheren Assetklasse heranreifen lassen. Denn sind  stabile und real positive Renditen gefragt, sind dividendenstarke Aktien im Vergleich zu Anleihen von bonitätsschwachen und überschuldeten Staaten klar im Vorteil. Aktien konnten in den letzten Jahren aus jeglicher Sicht überzeugen: Erholte sich die Konjunktur, stiegen Gewinne und Bewertungen. Behielten die Pessimisten recht und die Weltwirtschaft zeigte ein anhaltend niedriges Wachstum, blieben die Zinsen auf lange Sicht niedrig und die Notenbanken stützten die Märkte durch Bilanzausweitungen. Stieg die Inflation in Folge der Geldpolitik half das den Gewinnerwartungen, auch weil steigende Inflation einher geht mit erhöhtem Nachfragewachstum und ausweitenden Margen. Der traditionelle Gedanke, dass Aktien deutlich riskanter sind als Staatsanleihen ist so in den Hintergrund geraten. In einem Umfeld von hohen Schuldenquoten und der Notwendigkeit anhaltend niedriger bzw. preisbereinigt deutlich negativer Zinsen ein nicht völlig abwegiger Gedanke. Dass steigende Zinsen Aktien belasten ist unwahrscheinlich, da Zinsen nur steigen, wenn es der Konjunktur gut geht und diese trotz hoher Schuldenquoten steigende Zinsen verkraften kann.

In den USA zeugen ein Wirtschaftswachstum von 4 % auf Jahresbasis, Stimmungsindikatoren auf Rekordniveau und eine Arbeitslosenquote auf Tauchstation von einer boomenden Wirtschaft. Und trotzdem hebt Fed die die Zinsen weiterhin nur zögerlich an und wird wohl kaum bedeutend über ihr Ziel von 3 bis 3,5 % hinausschießen. Doch gerade hier könnte das Problem liegen. In den USA ist die Finanzpolitik über das Ziel hinaus geschossen. Denn zu all den positiven Zahlen kam noch eine Steuersenkung hinzu. Was wird 2019 und 2020 geschehen, wenn die realwirtschaftliche Effekte der Steuersenkung auslaufen und die US-Wirtschaft im Verhältnis zum  aktuellen Boom eine deutliche Abkühlung erfahren sollte? Aktuell existieren relativ wenig Konjunkturdaten, die die Märkte weiterhin positiv überraschen könnten. Die Zahlen sind zwar weiterhin gut, doch das Potenzial für euphorische Stimmung scheint aufgebraucht. So mögen die US-amerikanischen Aktienmärkte durchaus in ein Luftloch fallen, dass im schlimmsten Fall erst durch eine angepasste Geldpolitik der Fed bzw. entsprechende Ankündigungen durchbrochen werden kann. Sinkende Zinsen würden allerdings sinkende Kurs-Gewinn-Verhältnisse nach sich ziehen, zumindest kurzfristig, da sie eine sich eintrübende Konjunktur bestätigen würden.

Beim DAX ist das Potenzial einer Korrektur sicherlich größer, – auch wenn die Bewertungen bereits deutlich korrigiert haben. Zinsen sind in Folge steigender US-Renditen angestiegen. Gleichzeitig wird schon länger an der weiteren positiven konjunkturellen Entwicklung in der Euro-Zone gezweifelt. Und mit  der Situation in Italien kündigt sich der nächste Test für den Zusammenhalt der Euro-Zone an. Doch wie im Falle der USA ist es entscheidend, über die aktuellen Entwicklungen hinauszuschauen. Bestätigen sich die skizzierten Sorgen, werden die Zinsen fallen und nicht steigen. Reale Renditen werden dann erneut deutlich ins Minus drücken und Bewertungen der Aktienmärkte perspektivisch stützen. Es gibt nur ein Szenario, bei dem der seit Jahren anhaltende Höhenflug der Aktienmärkte einen Strömungsabriss  erfahren könnten: eine Stagflation: Schwaches Wachstum und dennoch steigende Inflation bzw. Zinsen. Die Chancen hierfür sind in einer globalisierten Welt mit verantwortungsbewussten Notenbanken eher überschaubar.

Im Falle des Dax sind noch die anhaltenden Zweifel an der Schuldentragfähigkeit Italiens zu bewerten. Aufgrund des Verhaltens der italienischen Regierung ist davon auszugehen, dass der Zusammenhalt der Euro-Zone von den Finanzmärkten zunehmend getestet werden sollte.  Deshalb ist mit erhöhter Nervosität und Volatilität auf den Märkten zu  rechnen. Dies wird einher gehen mit steigenden Risikoprämien für Italien, aber auch mit sinkenden Bundrenditen. Diese Entwicklung sollte zudem ihre Spuren in der europäischen Konjunktur hinterlassen.  Für global aufgestellte Unternehmen oder Volkswirtschaften werden die negativen Auswirkungen durch einen schwachen bzw. abwertenden Euro gedämpft. Aus diesem Grund mag es attraktiv sein in Europa trotz negativer Renditen kurzfristig  am kurzen Ende der Zinskurse (cash) zu investieren –, auch weil die potenziellen negativen Entwicklungen doch eher unüberschaubar sind.  Doch auch wenn der DAX volatil bleiben sollte: Der von global aufgestellten Unternehmen generierte Barwert  sollte weniger tangiert sein und mittelfristig weiter überzeugen.

Fazit

Das Verhalten der Finanzmärkte in den letzten Tagen hat wieder einmal gezeigt, wie groß die Zweifel an einer nachhaltigen globalen Konjunktur sind und wie einflussreich kurzfristige Daten oder Informationen sein können. Aus dieser Sicht werden es die Aktienindices schwer haben, sich kurzfristig zu erholen.

Dennoch sind die Rückschläge beim US-amerikanischen und deutschen Aktienmarkt kurzfristige Luftlöcher und keine langfristigen Strömungsabrisse. Denn die Weltwirtschaft zeigt trotz anhaltender Sorgen über Schuldenquoten eine stabile Entwicklung – das Welt-BIP liegt 30 % über dem  Vorkrisenniveau von 2008 – und wird im Falle einer konjunkturellen Abkühlung durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken unterstützt. Steigen die Zinsen hingegen infolge einer guten Konjunktur, bergen sie keine Risiken für die Aktienmärkte.

Allerdings bergen Italien und Brexit zumindest für Euro-Zone und DAX ein nur schwer abzuschätzendes Risikopotenzial. Die Volatilität auf den Aktienmärkten sollte deshalb kurzfristig hoch bleiben.

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